Das größte Ereignis der letzten Woche in Syrien war der Einsatz von 26 seegestützten Landangriffsmarschflugkörpern (land-attack cruise missiles, LACMs) durch die kaspische Flotte der russischen Marine im Rahmen der Operation Hmeymim, die elf militärische Ziele von Daesh und Jabhat al-Nusra in Syrien trafen, die etwa 1500 km vom Startort der Raketen entfernt lagen:

Aus dem südwestlichen kaspischen Meer wurde ein massiver Schlag mit Kalibr-NK LACMs geführt. Die Ziele des Angriffs waren Fabriken, die Granaten und Sprengstoffe produzierten, Kommandostellungen, Munitions-, Waffen- und Treibstofflager und Ausbildungslager der Terroristen in den syrischen Provinzen Rakka, Aleppo und Idlib. Die Marschflugkörper haben, mit einer Fehlerabweichung von etwa drei Metern, jedes der Ziele getroffen, die zwei Tage zuvor festgelegt wurden.

Die Dagestan, eine mit Raketen bewaffnete Fregatte mit einer Standardverdrängung von 2 000 Tonnen, diente als Flaggschiff der Angriffstruppe der russischen Marine, begleitet von den kleinen Raketenpatrouillenschiffen, der Weliki Ustjug, der Grad Swajaschskund der Uglitsch (mit einer Standardverdrängung von etwa 1 000 Tonnen). Kalibr-NK-Raketen sind extrem schwer zu entdecken: wenn sie manövriert, fliegt eine LACM mit hoher Geschwindigkeit im Stealth-Modus, was bedeutet, dass sie keine Signale aussendet, die es ermöglichen würden, sie mit dem Radar zu erfassen.

Russland hat die Staatschefs des Irak und des Iran über die Flugbahn dieser Raketen informiert. Und um die Sicherheit von Zivilisten sicherzustellen, verlief die Flugbahn der LACMs über unbewohntem Gebiet.

Welche militärischen und politischen Folgen hat dieser Abschuss?

Das war das erste Mal, dass die russischen Streitkräfte diesen Waffentyp in einer tatsächlichen Gefechtssituation – nicht in einer Übung – auf so weit entfernte Ziele eingesetzt hat. Der zweite wichtige Punkt ist, dass jede der 26 Raketen, die abgefeuert wurden, ihr beabsichtigtes Ziel getroffen hat, keine von ihrem zuvor berechneten Kurs abgewichen ist, keine einen technischen Aussetzer hatte und keine noch auf dem Weg zum Ziel des Angriffs zu Boden ging. (Der unzutreffende Bericht von CNN, dass vier Raketen im Iran abgestürzt seien, wurde nicht nur von russischen und iranischen Quellen dementiert, sondern auch von Sprechern des State Department und des Pentagon). Gegen einige Ziele erfolgte ein doppelter Schlag.

Dank einer erfolgreichen kaspischen Operation haben die russischen Weltraum-Luft-Verteidigungskräfte ihren Luftkampffähigkeiten in Syrien ein völlig neues und recht bedeutendes Element hinzugefügt. Die wichtigste Eigenschaft einer LACM ist, dass sie unmittelbar und mit unvergleichlicher Genauigkeit zuschlägt. Sie haben eine enorm demoralisierendeKalibr-NK reach zone from Caspian (right circle) and Black Sea area.Wirkung auf den Gegner, denn selbst wenn der Moment des Abschusses bemerkt wird, kann er nicht einmal vorhersagen, in welchen geografischen Gebiet sie einschlagen werden. Ganz wie zu erwarten bestehen die USA auf der Forderung, Moskau müsse solche Raketen verbannen, und betonen, sie würden denWashingtoner Vertrag über nukleare Mittelstreckensystemeverletzten (tatsächlich verbietet der Vertrag nur landgestützte LACMs).

Dieser erste Einsatz weitreichender LACMs in der wirklichen Welt durch Russland hat eine entscheidende strategische Bedeutung, denn die Träger solcher Systeme (Schiffe und U-Boote), die andernorts auf dem Ozean stationiert sind, können die mögliche Verwendung nuklearer Waffen und offensiver Antiraketensysteme durch solche Staaten minimieren, die die russische Föderation für ihren „größten möglichen Feind“, einen „Agressorstaat“ und einen „annektierenden Staat“ halten. Diese hochwirksamen Waffensysteme könnten für einen präventiven wie für einen Vergeltungsschlag mit nichtnuklearen Gefechtsköpfen genutzt werden.

Das kaspische Binnenmeer erlangt ebenfalls strategische Bedeutung für Russland, da Russland von dort mit Nutzung der LACMs chirurgische Schläge im gesamten Nahen Osten versetzen kann, ohne Gegenmaßnahmen der Seestreitkräfte der NATO zu riskieren.

Nun, da die russischen Streitkräfte solche Hochpräzisionswaffen der Öffentlichkeit vorgestellt haben, kann das Pentagon aufhören, sein Geld bei dem Versuch zu verschleudern, seine militärischen Möglichkeiten aufzubauen, die direkt gegen Russland gerichtet sind. Anders gesagt, es gibt keine Notwendigkeit, bedeutende Beträge auszugeben, um amerikanische taktische Nuklearwaffen in Europa zu stationieren oder land- und seegestützte Antiraketeneinrichtungen nach Rumänien und Polen zu verlagern – oder in die asiatisch-pazifische Region – da es von jetzt an völlig klar ist, dass sie im Fadenkreuz nicht nur russischer LACMs bleiben werden, sondern schon bald in dem noch effektiverer weitreichender hochpräziser Überschallwaffen, die mit nicht-nuklearen Gefechtsköpfen ausgestattet sind.

Man mag hoffen, dass nicht nur der Islamische Staat, sondern auch Washington und die NATO die unmittelbaren taktischen und tiefer strategischen Schlussfolgerungen aus der kaspischen Operation ziehen und daher ihre Drohungen beenden, Gewalt gegen russische Flugzeuge anzuwenden, und verstehen, dass sie, auch wenn sie für Moskau keine Freunde oder „strategischen Partner“ sein können, doch in Frieden leben müssen.

Dieser Text erschien in der Oriental Review. Der Autor, Wladimir Kosin, ist Leiter der Beratergruppe beim Russischen Institut für Strategische Studien (das auf diesem Blog schon mehrmals erwähnt wurde), Mitglied der russischen Akademie der Naturwissenschaften und Professor an der Akademie für Militärwissenschaft der russischen Föderation.

Sprich, was er hier schreibt, ist keine private Meinung, sondern „semioffiziell“. Interessant ist auch die beigefügte Karte.Sie liefert gleich die Antwort auf die Frage, was der Aktionsradius der Kalibr aus dem Schwarzen Meer bedeuten würde. Vielleicht ein freundlicher Gruß an Frau Merkel, falls in ihrem Beraterstab wirklich niemand im Stande ist,mit einem Zirkel auf einer Karte einen Kreis mit dem entsprechenden Radius zu ziehen. Auf diese Idee kann man schon deshalb kommen, weil der dritte Kreis fehlt, dessen Mittelpunkt in Kaliningrad zu setzen wäre und der London, Paris und selbst Madrid umfassen würde.

Seine Argumentation, wie unnütz eine Erneuerung der taktischen Nuklearwaffen der USA in Europa wäre, ist vor allem in Kombination damit, dass er ausgerechnet de Gaulle zitiert (der die NATO bekanntlich verlassen hat), interessant. Allerdings dürfte das angesichts des geistigen Niveaus des bundesdeutschen Regierungspersonals (das man ja regelmäßig bei Jung & Naiv genießen kann) zu tauben Ohren gesprochen sein.